 |
 |
Vorwort
Nach Kuba? - Ja, nach Kuba, die Insel in der Karibik zwischen Florida und Haiti oder zwischen den Bahamas und Jamaika. Alles klar?
Ich wurde im Vorfeld gefragt, warum es ausgerechnet Kuba sein soll. Es war zunächst eine spontane Idee, welche jedoch ihre Vorteile hat. Kuba steht imho vor einem Wandel. Noch kann man viel vom alten Kuba erleben, aber es wird Zeit. Anderseits ist Kuba touristisch gut erschlossen und ermuntert auch Individualtouristen zu einem Besuch. Ich war lange nicht mehr mit dem Rucksack unterwegs und wollte nach vielen Jahren endlich mal wieder raus, entspannen, abhängen, aber auch flexibel etwas erleben, wenn mir der Sinn danach steht. Und Kuba schien dafür geeignet zu sein.
Ich habe nur fünf, aber sehr verschiedene Orte besucht. Nie hatte ich den Eindruck dort anzukommen, wo ich gerade abgereist war:
* Trinidad - das Freilichtmuseum vergangener Zeit, gepflegt und auf Touristen eingestellt.
* Baracoa - die Tropen pur, Individualtouristen unter sich, unendliche Möglichkeiten.
* Santiago - die lebensfrohe Großstadt, für Touristen überschaubar, voller Musik und Tanz.
* Viñales - das beschauliche Kaff voller Schaukelstühle, Ruhe und reizvoller Landschaft.
* Havanna - die verblichene Metropole voller Geschichte und charmante Ruinen.
##############################
Einige Bilder finden sich unter
http://urlaub.henter.name/2010kuba/pixlie.php
##############################
|
 |
 |
 |
2010-02-23 Neues Ziel mit stürmischen Em
Gegen zwölf checkte ich aus und machte mich zu Fuß auf den knapp drei Kilometer langen Weg zum Busterminal um so beiläufig noch andere Ansichten der kubanischen Hauptstadt kennen zu lernen. Klatschnass durchschwitzt beim Busterminal angekommen, wartete eine kleine Überraschung auf mich: Der Fahrplan war geändert worden und der letzte Bus nach Viñales war bereits abgefahren. Also nahm ich den nächsten Bus der das Terminal verließ und fuhr statt die geplanten ca. 190 km Richtung WSW nun ca. 350 km Richtung OSO nach Trinidad an der zentralen Südküste von Kuba. Auf der Fahrt im klimatisierten Bus las ich im Reiseführer: rund 40.000 Einwohner, historisches Stadtzentrum, UNESCO Weltkulturerbe, stürmischer Empfang durch Schlepper, welche den Reisenden zu einen der unzähligen Privatunterkünfte bringen wollen...
Und so war es auch, als der Bus in der Dämmerung Trinidad erreichte. Zunächst waren es Dutzende durcheinander schreiende Schlepper, dann eine Handvoll und am Schluss blieben zwei Frauen hartnäckig an meiner Seite und versuchten mich von den Vorzügen ihrer Unterkunft zu überzeugen. Ich entschied mich für die Unterkunft, welche nicht angeblich in einem Reiseführer stand, nicht total zentral lag und keine Aircondition hatte.
Meine erste Privatunterkunft in Kuba... ein typisches schmales, tiefes Haus, die Familie wohnt im Erdgeschoss, ich habe die erste Etage für mich, geräumiges Schlafzimmer mit Ventilatoren, Aufenthaltsraum mit Kühlschrank, Badezimmer mit warmer Dusche und eine kleine Terrasse.
Mein Reiseführer sagt zudem zu Trinidad: "Es gibt zahlreiche Restaurants im Ort. Das einzige gute Essen gibt es aus der Küche deiner Privatunterkunft." Und so nahm ich gerne das Angebot zu Frühstück und Abendessen am folgenden Tag an. Als Preise vereinbaren wir 20 CUC für die Unterkunft, 3 CUC für das Frühstück und 10 CUC kostet das Abendessen.
(Casa Particular: Ada Altúna Martin, Calle Colón No. 114, 62600 Trinidad)
|
 |
 |
 |
2010-02-24 First Contact
Das Frühstück tat rundum gut: Ein Teller mit frischen klein geschnittenen Ananas und Mango, zwei Gläser frisch gepressten Orangensaft, ein Korb mit Weißbrot und gesalzener Butter, dazu eine Kanne starken Kaffee und ein weich gekochtes Ei.
Bei meinem Stadtrundgang strebte ich zunächst zu einem Internet Cafe. Eine Stunde kostete 6 CUC und war wie befürchtet: Recht langsam und beschränkt. Weder waren alle Ports offen um auf meinen PC zu Hause zu kommen, noch waren Attachements in Emails möglich. Aber ich hatte ersten Kontakt mit zu Hause hergestellt.
Es folgten der Parque Céspedes, das historische Zentrum um den Plaza Mayor, die Feuerwehr, der Bahnhof usw. Nach drei Stunden hatte ich den Ort in alle Richtungen bis fast zum Rand durch, konnte mich ohne Karte orientieren und ging, mal wieder klatschnass geschwitzt, zurück in meine Unterkunft.
Tropen, das ist dort wo Kuba ist. Heiter bis wolkig, selten über 30 Grad warm, aber mit häufigem Regen bzw. Regentropfen, die die Luftfeuchte auf Maximum halten. Gerade aus dem schneeverwöhnten Deutschland angekommen, hatte ich doch deutliche Anpassungsprobleme, wenn man intensivstes Schwitzen so nennen würde.
|
 |
 |
 |
2010-02-27 Zuckerrohr und Sklaven
Trinidad war zunächst mit Schmuggel und Sklavenhandel beschäftigt, bis Anfang des 19. Jhd. der Zuckerrohranbau neue Geschäfte versprach. Ein benachbartes Tal, welches heute Valle de los Ingenios (Tal der Zuckerfabriken) heißt, lieferte schon bald ein Drittel des gesamten Kubanischen Zuckers und einen enormen Reichtum für den Ort Trinidad. Ende des Jahrhunderts war die schöne Zeit vorbei. Was blieb, waren die zahlreichen Prunkbauten und so eine noch heute sehenswerte Stadt.
Für Touristen (wie mich) fährt jeden Morgen eine stark qualmende, alte Dampflokomotive mit zwei Holzwaggons von Trindad in das Valle de los Ingenios und am Nachmittag wieder zurück. Heute wird im Tal fast kein Zucker mehr angebaut und die zahlreichen Überbleibsel der damaligen Zeit, welche mit zum UNESCO Weltkulturerbe zählen, bleiben auf der Tour fast unsichtbar. Am Endpunkt der knapp anderthalbstündigen Fahrt befindet sich Manaca Iznaga, ein altes Anwesen mit einem 44 Meter hohen Wachturm, von dem damals die Arbeit der Sklaven auf den umliegenden Felder beaufsichtigt wurde. Als Zielpunkt der Touristenbahn und zahlreichen Touristenbussen ist es heute ein Zentrum des Souvenirhandels im Tal der Zuckerfabriken.
Ohren und Nase sind in der Sonne besonders zu schützen, stehen sie doch vom restlichen Körper hervor. Diese altbekannte Tatsache hatte ich vergessen, als ich heute mit der Bahn das Tal besuchte. Naja, ein leichter Sonnenbrand war die Folge.
|
 |
 |
 |
2010-02-28 Kalte Dusche und kaiserlicher
Braune Kühe auf der Weide, magere Hunde in den Gassen, krähende Hähne um Mitternacht, am Abend ein schreiendes Schwein, morgens eine weinende Katze und vorige Tage etwas wie eine Schabe, welche ich auf Grund ihrer Größe zunächst für eine Maus hielt. Mehr kannte ich vom Tierleben auf Kuba noch nicht, als in der letzten Nacht einige Mücken meine Fauna-Kenntnisse erweiterten.
In die Rubrik (Er-)Kenntnis fällt auch: Das Leben kann so leicht sein, wenn es weniger Vorschriften gibt. In vielen Ländern hatte ich bereits einen elektrisch beheizten Duschkopf gesehen, welcher in Deutschland mit seinen Elektrodrähten und Lüsterklemmen an der Wasserleitung keinerlei Chance hätte. Aber hier funktionierte er prima ...bis heute Morgen. So bleibt zu erwähnen, dass auch in warmen Ländern eine kalte Dusche vor allem eins ist: Richtig kalt!
Am Nachmittag machte ich den Ort wieder mit der Kamera unsicher. Gute drei Stunden ergaben letztlich neun Fotos. In der Summe muss ich noch ruhiger werden und mir Zeit nehmen all die Dinge zu beachten (und zu sehen), welche vor dem Druck auf den Auslöser relevant sind.
Heute war Sonntag und meine Gastgeberin schlug mir ein aufwendigeres Abendessen vor. Wie all die Tage hatte ich mich auf Frühstück und Abendessen in meiner Unterkunft beschränkt und heute gab es Arroz Imperial (kaiserlichen Reis). Hierin versammelten sich Hühnchen und Fisch mit Schweinefleisch (und mitunter auch Rindfleisch sowie wirbellose Meeresbewohner). Es war eine Art "Gehacktes aus Allem", angebraten unter den Reis gehoben, mit Mayonnaise bestrichen und im Backofen angeröstet. Die Mischung aus Hühnchen mit Fischsoße kannte ich bereits aus Vietnam und schreckte mich nicht. Nach dem ersten Bissen war aber klar: Dies war geschmacklich wahrlich ein kaiserlicher Reis!
|
 |
 |
 |
2010-03-01 Verdammt süße Sache
Heute durfte ich nach dem Frühstück nicht weggehen. Um halb elf hörte ich es dann: Meine Gastgeberin mit ihrem Mann (die Kinder waren in der Schule), ihre Mutter sowie ihre Tante mit Mann kamen singend die Treppe herauf ...mit einer Torte in der Hand, gratulierten mir zum Geburtstag, erklärten die Glückwunschkarte "Tu amistad hace grande la vida. Feliz dia!!", wünschten mir einen schönen Tag, einen guten Appetit und verschwanden wieder. - Nun gibt es in Kuba Torten nicht mal eben im Kühlregal oder vorrätig beim Bäcker. Diese hier wurde am Samstag extra bestellt, am Montag in der Frühe gefertigt und in das Haus geliefert: Als Spezialanfertigung auf einem Stück Wellpappe.
Natürlich konnte ich nicht lange widerstehen und das erste Stück war schnell gegessen. Es war süß, sehr süß, süß-parfümierte Creme außen und süß getränkter Teig innen ...oder deutlicher: Ich, Bernard, musste nach nur einem Stück Torte erstmal eine Pause machen! - Bis mittags hatte ich das zweite Stück geschafft. Nachmittags das nächste und am Abend...
Es stand heute auch die weitere Reiseplanung an, da ich Dienstag weiter wollte. Eine komplette Woche an einem Ort ist wirklich verdammt lang. Es schien zu klappen: Ich kaufte zunächst ein Ticket für den Nachtbus nach Santiago de Cuba ab Dienstagabend ...die 12 Stunden Fahrt würden so hoffentlich wie im Schlaf vergehen. In Santiago würde ich möglichst direkt eine Verbindung an Guantánamo vorbei nach Baracoa nehmen, fünf Stunden später dort ankommen und ein paar Tage bleiben ...dachte ich mir so.
Am frühen Abend stand Internet auf dem Programm. Es waren einige überraschende Emails dabei und die Nachricht, dass die PDF letztens gut angekommen ist. Also auf ein Neues, diesmal als Rundumschlag und quasi "Postkartenersatz".
OK, nun bin ich also 50 Jahre alt. Andere Männer liebäugen dann mit einem Motorrad und kaufen sich eine junge Frau ...ähm, umgekehrt natürlich. Und ich? Ich bin sowieso schon verrückt genug, nicht so ordinär/gewöhnlich wie andere alte Männer, in vielen Punkten jung geblieben und brauche das nicht unbedingt. Obwohl, wenn ich es mir so überlege... ;-)
|
 |
 |
 |
2010-03-03 Wo alles begann, damals in Ku
Für den Bus von Santiago nach Baracoa kam ich zwar auf eine Warteliste, aber dann doch noch mit. Über die Passstraße "La Farola" ist Baracoa seit 1965 auch auf dem Landweg erreichbar. Dabei ist Baracoa, gegründet 1511, die älteste spanische Ansiedlung auf der Insel. Zur Erinnerung: Kolumbus erreichte im Oktober 1492 die Neue Welt (heutige Bahamas) und entdeckte als Nächstes im November Kuba ...und zwar hier bei Baracoa.
Die Isolation förderte eine besondere Geschichte, sei es illegaler Handel mit den Franzosen bzw. Engländer, seien es französische Flüchtlinge aus Haiti, welche Kaffee- und Kakao-Anbau mitbrachten oder die Landung der Unabhängigkeitskämpfer 1895. Palmen, Kaffee, Kakao, Bananen finden sich sonst nirgendwo so konzentriert bzw. intensiv wie hier. Das dies die wärmste und auch regenreichste Gegend von Kuba ist, wurde nicht erwähnt, wenn ich bisher die Empfehlung bekam, diesen Flecken Erde nicht zu versäumen ...es gibt genug Schönes zu berichten, so dass dies einfach unbedeutend wird.
Nach all der Schwärmerei über das Paradies auf Erden war ich ziemlich enttäuscht, als der Bus in Baracoa einfuhr: Eine hässliche Strandpromenade mit viel Plastikmüll, herunter gekommenen Gebäuden und kaum Menschen. Am Terminal machte ich mich von Schleppern & Co. los, welche einem intensiv die jeweilige Privatunterkunft nahe bringen wollten und ging die paar Meter zum Kai. Ein Fahrradfahrer mittleren Alters sprach mich dann doch an. Ich wehrte ab. Kein Problem, ich solle mich erstmal ausruhen und wenn ich später in den Ort käme, würde er sich freuen, wenn ich bei seinem Casa Particular vorbei schauen würde. - Welch ein Unterschied zu der Anmache am Busterminal und warum nicht doch gleich mit ihm gehen?
So bin ich also zu meiner zweiten Privatunterkunft gekommen. Ein Zimmer mit angegliederten Bad, auch hier Haus- und Zimmerschlüssel, Ventilator und AC, kein Tisch, keine Klobrille, der Weg von der Haustür führte durch das Wohnzimmer und Küche der Familie zuerst in meine Toilette und dann in meinen Schlafraum. Das Ehepaar war nett, er der kontaktfreudige Teil und die Kinder (Sohn 9 Jahre, Tochter 20 Jahre) bekam man kaum zu Gesicht.
Über den Preis waren wir uns auch schnell einig. 20 CUC für das Zimmer sowie je nach Wunsch für das Frühstück 4 CUC und 9 für das Abendessen. Das gab es dann ein paar Stunden später und war doch nicht so... Von der berühmten lokalen Küche mit Kokos und exotischen Gewürzen konnte ich nichts entdecken.
(Casa Particular: Arquimedes Navarro Navarro, Ruber López No. 87, Baracoa, Tel: 643291)
|
 |
 |
 |
2010-03-04 Baracoa, oder: Die Tropen sin
Baracoa hat so gut 50.000 Einwohner und im Inneren verbreiten viele alte koloniale Holzhäuser einen besonderen Charme ..und es ist auch sauber. Die Strandpromenade, bei uns sicherlich ein Ort besonderer Beachtung, interessiert keinen und ist der hässlichste Teil des Ortes.
Aber zuerst kam das Frühstück. Einen Teller mit geschälter Orange und Bananen, ein Omelett, ein Glas Honig als Brotaufstrich, (ungesalzene) Butter, zwei Brote (Größe/Form: Brötchen; Beschaffenheit: Toastbrot), ein halbe Kanne Orangensaft (frisch mit Wasser verdünnt), ein halbe Kanne heiße Schokolade (schmeckt hier wirklich so!), eine kleine Thermoskanne Kaffee. OK, auch mit Flüssignahrung kann man den Tag gut starten.
Auf dem kurzen Weg in das Zentrum sah ich am Ende einer Seitenstraße, dass eine lange Treppe den Hügel hinter der Stadt hinauf führte. Von dort bekam ich einen ersten Überblick. Weiter ging ein Pfad, der sich immer wieder teilte. Ich nahm den Teil, der am ehesten nach oben führte. Ruckzuck war ich mitten in den Tropen: Urwald mit kleinen landwirtschaftlichen Anwesen, wie ich sie aus den Urwäldern kenne, egal ob Sumatra oder Costa Rica, ob Honduras oder Bolivien. Meine Zweifel, ob Kuba wirklich noch zu den Tropen gezählt werden sollte, waren dahin.
Mittags holte ich mir durch eine nette Beratung bei der Touristinfo "Infotur" genug Anregungen für mehrere Wochen in Baracao und Umgebung. Buchen konnte ich dort jedoch nichts und das staatliche Reisebüro hatte Mittagspause.
Im Süden der Stadt sollte ein Fluss malerisch in den Atlantik münden. Das wäre eine nette Überbrückung der Zeit. Also die Promenade runter, um das Baseballstadion herum, den Strand entlang, dann etwas landeinwärts und über einen sehr langen Holzsteg auf die andere Seite. Hier war ein kleines Dorf, nett anzusehen und eine Art Kassenhäuschen mit der deutlichen Aufschrift "Zugangskontrolle", besetzt mit zwei reizenden Damen und einem Herren, der mehr Ausweise umhängen hatte, als Finger an den Händen. Das Gebiet würde nun zum Nationalpark gehören und der Eintritt betrüge 5 CUC ...mit ihm als Führer nur 12 CUC inkl. Höhlen. In meinem Reiseführer stand zwar etwas von Einheimische, welche einem die Grotten zeigen, aber... OK, die Zeiten ändern sich und skeptisch zahlte ich 12 CUC.
Wir gingen los. Er erzählte von dem erweiterten Angebot der Nationalparks, dass ich auch die anderen interessanten Orte besuchen solle, er dafür auch gerne mein Führer sei und ich müsse nur den Transport organisieren. Ahja, jetzt hat er sich verraten. Zwischendurch machte er mich auf diverse Vögel aufmerksam, indem er ihre lateinischen Namen benutzte. So etwas finde ich ungeheuer beeindruckend, vergleichbar mit einem Stadtführer in Köln der mich darauf aufmerksam macht, welche Automarke gerade an uns vorbei fährt: "Schauen Sie mal, dort: Ein Volkswagen! Das ist die Fachbezeichnung, aber die Eingeborenen nennen sie volkstümlich nur VW."
Nach einer Viertelstunde hatten sich seine Dienste erschöpft. Er übergab mich mit vielen Worten der Erklärung (dringende Aufgaben an der Pforte usw.) an einen Anwohner und war futsch. Nun, der Anwohner entpuppte sich als derjenige, welcher im Reiseführer empfohlen wurde. Er versuchte gleich seine Deutschkenntnisse anzubringen, die er in zwei Jahren Leipzig erworben hatte. Ich denke, der Umfang entsprach in etwa meinen Spanischkenntnissen. Auf seinem Anwesen liegen die vorzeitlichen Felsbehausungen wie auch die Höhle. Er pflegte sie, unterhielt die Wege dorthin und verdiente sich ab und an, wenn denn mal ein Tourist kommt, ein Paar CUC dazu.
Früher, nach seiner Rückkehr, hatte er in der Schokoladenfabrik westlich von Baracoa gearbeitet, aber der Verdienst sei grottenschlecht gewesen. So hat er mit seinem Bruder das väterliche Anwesen übernommen und baut hier Kokos mit Kaffee und Kakao an. Mittlerweile waren wir an einem Aussichtspunkt angekommen und er zeigte mir, nicht ohne Stolz, die Grenzen seiner Bewirtschaftung. Danach ging es steil in den Fels geschlagene Stufen herunter und unten weiter auf einem Steinwall. Dann blieb er stehen und zeigte auf eine große Vertiefung im Boden.
Dort ging es hinein. Es war eine Höhle. Stockdunkel, nur von seinen beiden Taschenlampen mit fast leeren Batterien erleuchtet, machten wir uns auf den Weg hinab. Der Boden war feucht und glatt, die Decke ebenso. Wo ich hin treten sollte, hatte er mir vorher per Taschenlampe gezeigt ...Schritt für Schritt. Manchmal konnte ich stehen, meisten war aber die Decke im Weg. Unten angekommen, zeigte er mir einen kleinen See mit Süßwasser. Beim Blick nach oben zeigte mir das entfernte Tageslicht, wo wir eingestiegen waren. Es war wie gesagt dunkel, die Luft stickig und viel sehen konnte ich nicht. Was dort eigentlich war, sah ich erst später auf den Fotos, welche in "ins Dunkle" hinein gemacht hatte.
Wieder draußen gingen wir rüber zu den Felswänden, in denen mehrere Einbuchtungen zu sehen waren, welche in der Vorzeit mal als Wohnhöhlen dienten. Die ein oder andere Spur ehemals menschlicher Bearbeitung war nach den Jahrhunderten noch schwach zu erkennen. Insgesamt war es aber wenig spektakulär. Wir gingen zurück, also die Felswand hoch und quer durch seine Felder und Pferche zu seinem Haus. Er erklärte unablässig, zeigte mir eine endemische Schnecke und war dabei gut drauf. Er hatte scheinbar Spaß an der Abwechslung in seinem Tag und der wilden Mischung aus Spanisch, Deutsch und Englisch die er sprach. Ich auch. - An seinem Haus stärkte ich mich noch mit frischer Kokusmilch, Orangen und Papaya, roch an Kakaofett und Rohkakao und machte mich auf den Weg zurück. Der Weg war irgendwie typisch: Rote Erde, grüne Vegetation und grauer Himmel (der auch blau sein kann).
Unten im Dorf stand mein "Fremdenführer". Großes Theater würde nichts bringen, das war klar. Ich sprach ihn an: Er würde doch auch andere Touren anbieten. Wann er denn hier wäre? Und eben, wo er für mich leider keine Zeit mehr hatte: Nun musste ich den Anderen auch bezahlen und ob er sich mit 5 CUC daran beteiligen würde? Wäre doch fair oder? - Fand er auch und ich konnte meinen Verlust von 12 auf 7 CUC vermindern.
Auf dem langen Weg zurück kamen mir am Strand immer wieder Gruppen an Schülern entgegen ...auf dem Weg nach Hause und immer in Begleitung eines Erwachsenen. Das erinnerte mich daran, das einsame Strände oft gefährlicher sind als dunkle Gassen bei Nacht. - Vor mir lag Baracoa und dahinter zeichnete sich am Horizont der Umriss von "El Yunque" ab. Fast 600 Meter erhebt sich der Tafelberg steil aus der Ebene. Ob ich ihn schaffe ...oder er mich?
Abends versuchte ich ein lokales Restaurant, welches im Reiseführer u.a. als Treffpunkt von Individualreisenden angepriesen wurde. Es war ein Reinfall, aber was soll es.
|
 |
 |
 |
2010-03-05 Raumfüllend gefüllte Regale
Nach dem Frühstück stand Internet auf dem Programm. Bei der örtlichen Telefonzentrale gab es einige Terminals. Für die Zulassung war der Reisepass erforderlich. Das Verschicken der aktuellen PDF klappte, aber der Rest war wieder nix. Downloads? Verboten. Auf meinen PC zu Hause kommen? Server nicht freigeschaltet. PDFs auf Webseiten? Anzeige nicht erlaubt. URLs ohne das überflüssige WWW? Unbekannt. - Die Einfuhr von Satellitenanlagen oder nur die Schüssel ist genauso verboten wie die Einfuhr und Nutzung von Satellitentelefonen. Für GPS-Geräte braucht man eine Sondergenehmigung vom Ministerium. Und kritische Bücher zu Kuba oder dem Kommunismus sind feindliche Propaganda: Also verboten.
Ich besuchte die Fortaleza la Matachine, eine alte Festung über der Stadt, welche heute ein gutes Hotel beherbergt und eine gute Aussicht über die Stadt bietet. Dann ging es an das Westende, wo sich neben dem Busterminal das Fortaleza la Punta, heute ein Restaurant, befindet. Im Terminal wollte ich mich nach einer schnellen Verbindung nach Viñales erkundigen. Das rege Treiben und die vielen Schlangen an den unterschiedlichsten Schaltern hielten mich dann doch davon ab. Auf dem Weg zurück in das Zentrum sah ich wieder die Menschentrauben vor diversen "Läden", welche gerade wohl einen begehrten Artikel anboten. Interessiert, was denn normal in den Läden ist, ging ich auf der Suche nach Sonnenmilch in einen Supermarkt. Ich hatte nicht erwartet dort Sonnenmilch zu finden, denn welcher Einheimische hätte dafür Verwendung? Aber die Körperpflegeabteilung war trotz ihrer Größe recht übersichtlich: Es gab geschätzt ein gutes Dutzend Produkte. Andere Regale im Laden waren ebenfalls sehr "raumfüllend" bestückt. Ich ging wieder.
Die Leute halten oft Nutztiere wie Geflügel, Schweine, Schafe und Ziegen. Wenn sie Hunger haben, wird eines geschlachtet und gegessen. Pferde, Kühe, Esel usw., also die größeren Tiere, dürfen sie zwar besitzen, halten und pflegen; das Tier gehört aber dem Staat. So soll es sein, dass eine Ziege auf dem Markt so wertvoll wie eine Kuh ist, von der man nur die Milch nutzen kann. Wer eine Kuh unerlaubt schlachtet, riskiert bis 10 Jahre Gefängnis. Wer das Fleisch verkauft, riskiert bis acht Jahre und der Käufer bis zu einem Jahr. - Mahlzeit.
|
 |
 |
 |
2010-03-06 Natur geführt und geschützt
Heute ging der Wecker, denn um 8:30 Uhr sollte ich bei CubaTur sein. Es ging zum Nationalpark Alexander von Humboldt. Er war zwar nie hier, aber funktioniert als Namenspatron trotzdem. Der Park gehört zu den wichtigsten Naturschutzgebieten der Erde und ist UNESCO ...ihr wisst schon. Rund 70 % aller hier vorkommenden Arten sind endemisch und oft auch vom Aussterben bedroht. Auf den 711 Quadratkilometer findet man aber auch rund 400 landwirtschaftliche Betriebe, oft Plantagen für Kokos und Kakao, welche bereits vorher da waren und heute Bestandsschutz genießen. Auf die Größe von Willich umgerechnet wären dies knapp 40 Betriebe. Hm, nicht ein wenig zu viel des Guten?
Unsere Touristentour bestand aus einer bunten Schar mit 13 Personen aus USA, Belgien, Deutschland, Frankreich, Österreich und Slowenien. Mit dabei eine belgische Ausgabe von Lara Croft ...jedoch ohne die 9 mm. Um halb elf angekommen, starteten wir zu einer mehrstündigen Wanderung entlang eines angelegten Weges und einem angenehmen Führer der staatlichen CubaTur. Berg rauf und Berg runter trainierte dabei Beinmuskulatur und Lungenflügel. Zwischendurch gab es einen Halt an einem der vielen Bäche, die zu durchqueren waren ...und wer wollte, konnte baden gehen. Um halb drei fuhren wir zurück, jedoch nicht ohne ein Zwischenstopp an einem der karibischen Sandstrände mit den türkisfarbenen klarem Wasser gemacht zu haben.
Heute war Samstag. Am Abend hatten die Restaurants ihre Tische auf die Straße gebracht, es gab überall Live-Musik, es wurde gekocht, gegrillt und jede Menge gefeiert. Die jungen Leute hatten sich chic gemacht. Und die Alten auch, wenn die zwischendurch zur Kirche gingen. Die halbe Stadt war auf den Beinen und im Zentrum versammelt. Warum? Heute war Samstag.
|
 |
 |
 |
2010-03-07 Der Amboss ruft
El Yunque (spanisch für Amboss) heißt der Tafelberg, den Kolumbus schon erwähnte und seither mit seinen 575 Metern als unübersehbare Landmarke diente. Da kann man hinauf, aber nur zu Fuß und Touristen mit Führer. Bei der Buchung bekam ich gesagt, dass man zwei Stunden hinauf geht, bleibt etwas auf dem Gipfel und ist nach vier Stunden wieder unten. Ich kann nichts dafür, aber ich hatte automatisch gerechnet: Mit etwas hoch und runter sind 600 Meter Höhendifferenz zu überwinden oder anschaulicher: 200 Etagen. Das wäre, als würde man ein 5 stöckiges Haus in 3 Minuten hinauf laufen und dies zwei Stunden lang, aber eben nicht auf Treppenstufen sondern über Stock & Stein. Also gilt: a) "man" geht in zwei Stunden hinauf und b) ich bin nicht "man". - Tja, so kann man sich verrückt machen. Aber wer es nicht versucht, hat schon verloren bevor es los geht. Also auf, auf...!
9 Uhr ging es los. Wir waren sieben Touristen, wieder bunt gemischt aus Deutschland, Slowenien und den Niederlande. Trotz ausmisten kam mein Daypack mit Wasser, Kamera, Schokolade etc. auf gerne 4 kg oder mehr. Aber das machte nix. Es war so wie oben berechnet & befürchtet und ich war der Weltmeister im Hecheln. Die letzten 50 Meter bin ich mehr auf allen Vieren vorwärts gekrabelt. - Auf. Alle. Ende. Aber oben!
Nachdem die Sonne wieder die Oberhand über meine Sterne errungen hatte, konnte ich die Aussicht genießen. Es war irre. Drumherum sind keine Berge bzw. die nächsten sind einiges entfernt. So losgelöst fast 600 Meter über der Umgebung zu sein, ohne den Fuß des Berges sehen zu können und über die tropische Landschaft zu schauen... hat was, doch, ist toll. Leider war der Gipfelaufenthalt mit 20 Minuten etwas kurz und es ging, mit einem erfrischenden Badeaufenthalt am Fluss garniert, wieder zurück. Bei der Flussdurchquerung lies ich diesmal die Schuhe an: Sie waren ohnehin schon naß, wie auch die Hosenbeine.
Um halb vier wieder in der Unterkunft, überspielte ich die Bilder (das musste nun sein), ging duschen, neue Klamotten an und rauf auf die Fortaleza la Matachine, die alte Festung über der Stadt, wo ich mich mit dem Dt. Ehepaar verabredet hatte: El Yunque im Sonnenuntergang gucken. Abschließend waren wir lecker essen und pflegten eine angenehme Unterhaltung.
Vor zwei Wochen bin ich in Kuba angekommen und in zwei Wochen geht es zurück. Zunächst geht es Morgen weiter ...zurück nach Santiago de Cuba, wo ich zwei oder drei Nächte bleibe.
|
 |
 |
 |
2010-03-09 Nervenschulung & Glücksgefühl
Als Nachtrag zu Baracoa bliebe zu erwähnen, dass es dort fast keine alten Autos gab. OK, es gab alte Autos, aber ich meine Kuba-alt, also aus den 50er Jahren aus der Zeit vor der Revolution. Ebenso fehlten die Busse mit Touristen von Rundreisen oder Tagesausflügler. Dafür liegt Baracoa zu abseits, was dem Ort zugegeben eine extra Portion Charme verleiht.
Heute war Verschwörung angesagt. Für die Fahrt nach Santiago wäre keine Reservierung notwendig, hatte man mir gesagt. Aber der Bus war dann doch ausgebucht. Einen anderen Bus nehmen, war hier nicht möglich: Baracoa liegt am Ende von Kuba und es gibt nur die Verbindung nach Santiago. Also den Wartesaal bestimmungsgemäß nutzen und hoffen. Weiteres wäre nicht nötig. Einfach hinsetzen und warten.
Ich war nicht der Einzige ohne Fahrkarte. Ein Österreicher hatte das Angebot eines Fahrradrikschafahrers angenommen und gegen "Aufpreis" Tickets im eigentlich ausgebuchten Bus bekommen. Andere hatten es bei den Bussen für Einheimische versucht, aber dort sah die Situation noch hoffnungsloser aus. Ich schaute zwischendurch beim Schalter vorbei und bekam nur das Zeichen Richtung Wartesaal. Ich wartete also weiter.
So konnte ich das Treiben im geteilten Terminal beobachten. Eine Hälfte war mit Warteraum, Klimaanlage und Fernseher für die relativ wenigen CUC-Zahler reserviert, während die Masse sich die Schlacht im überfüllten stickigen Rest lieferte. Der Andrang bei den Bussen für die einheimische Bevölkerung war ungleich größer (Erinnerung: Touristen und betuchte Kubaner fahren mit Bussen, welche besser sind und in Devisen, also CUC, bezahlt werden). Es gab an den Schaltern immer wieder Auseinandersetzungen zwischen den Anstehenden, so dass die Ordnungskräfte, mit Schlagstöcken ausgestattet, eingriffen.
Als um 14 Uhr die regulären Fahrgäste im Bus waren, konnten "Fahrkartenlose" sich um freie Restplätze anstellen. Ich stand relativ gut, selbstredend ohne mein Gepäck, das in solchen Situationen nur extrem hinderlich ist und unbeaufsichtigt irgendwo in der Ecke stand. Ich kam dran: Welche Wartelistennummer ich hätte? Keine? Tja, dann...
Die restlichen Fahrkarten wurden also nach und nach an die Leute auf der Warteliste verkauft. Am Schluss war noch einer, ein einziger Platz frei: MEINER! Im Bus wurde ich von Mitreisenden mit Glückwünschen empfangen.
Die Abgase der wartenden Busse, der Lärm aus dem Fernseher, die Ungewissheit, das Warten, die Hitze und die schlechte Luft, das Schlangestehen, der vor Durst trockene Mund, die Unsicherheit ob dich da einer austrickst, das Gepäck irgendwie im Auge behalten bzw. eben nicht, die scheinbare Verschwörung gegen einen, die Anspannung, der Drang zur Toilette, die Ohnmacht auf eine fremde Situation und Leute angewiesen zu sein, ausgeliefert und dann der Trubel, die Hektik um einen herum ...stundenlang. Dabei gilt: freundlich bleiben und das Gesicht wahren, sonst hat man verloren. Das geht, je nach Tagesform und vor allem als Alleinreisender, schon kräftig an die Nerven! Das sind unangenehme Dinge auf solchen Reisen, gewiss, aber sie härten auch ab und schulen einen für die kleineren Unpässlichkeiten, welche man im deutschen Alltag erlebt.
Fünf Stunden später waren wir in Santiago de Cuba. Vor dem Terminal stand jemand und drückte ein Blatt Papier an die Fensterscheibe: "BERNARD" stand darauf. Es war ein Verwandter von meiner Unterkunft in Baracoa, der telefonisch von meiner Ankunft unterrichtet wurde. Seine Casa Partikular lag zentral mit eigenem Eingang und Vorraum inkl. Tisch und Stühle, Schlaf- und Badezimmer für mich alleine, 20 CUC die Nacht, 220 Volt (das erste mal), Klimaanlage und Ventilator, Kühlschrank, Fernseher, auf Wunsch Wäscheservice (auch ein wichtiges Thema), Frühstück und Abendessen... und vor allem ein herzlicher Empfang von Nancy, der Hausherrin. 20 Minuten später war ich mit einem deftigen Abendessen und danach mit einem guten Kaffee versorgt. Wenn nach so einem Tag Selbstverständlichkeiten gut laufen, dann kommt schon etwas wie Glücksgefühl auf...
(Casa Particular: Nancy & Eglis, Barnada No. 101, 90100 Santiago de Cuba, Tel: 53-22659169, Nancy: 52-468049, Eglis: 52-401163)
|
 |
 |
 |
2010-03-09 Musik in der Luft
Santiago de Kuba. Mit einer guten halben Millionen Einwohner die zweitgrößte Stadt der Insel, somit mit Düsseldorf zu vergleichen, aber hügelig, auch mal stärker, und so eher an San Francisco erinnernd. Der für Touristen interessante Bereich liegt überschaubar zwischen drei Plätzen und war nur einen halben Kilometer entfernt. Auf dem Weg konnte ich "bergauf" etwas wie Muskelkater spüren. Ich wohnte in einem blauen Eckhaus auf der Straße Barnarda, welche zum östlich gelegenen "Plaza de Marte" führt. Von hier startet die zentrale Einkaufsstraße "José a Saco" nach Westen, am "Plaza de Dolores" vorbei und führt weiter in die Nähe des "Parque Céspedes". Dazu ein paar Parallel- und Seitenstraßen und schon hat man das touristische Zentrum von Santiago erfasst. Ich nahm mir vier Stunden Zeit, besuchte ein Rum-Museum (deren Rum-Probe mir in der Hitze gleich zu Kopf stieg), erholte mich in der dunklen Kühle einer Kirche und beobachtete ein halbe Stunde lang das rege Treiben auf dem Plaza de Marte.
Vergleich mit Trinidad und Baracoa: Santiago ist quirliger, die Straßen voller, die Leute gehen zielstrebiger und sind im Schnitt etwas besser gekleidet. Und es liegt neben dem unglaublichen Verkehrslärm auch viel Musik in der Luft, welche aber durch Abgase derart intensiv getrübt wird, dass man an einen Dt. Novembermorgen denkt.
Mein Reiseführer sagt speziell zu Santiago: "Manchmal scheint es unmöglich das Gefühl loszuwerden, man sei Geld-mit-Beinen." Tja, mit umgehängter Fototasche und Reiseführer in der Hand ist man nie alleine. Auch ich erkenne Touristen auf zwei Block Entfernung: Kurze Hose, Shirt, Schlappen, bevorzugte Farbe ist Outdoor-Beige und der Schnitt entstammt Indianer Jones. Nachmittags hatte ich es nochmal probiert: Ohne Fototasche, den Reiseführer in einer Plastiktragetasche versteckt, "normales" Hemd mit langen Ärmeln und schwarze Jeans. Einer kam auf mich zu, stutze und verschwand wieder. Das war es. Ich hatte meine Ruhe. Geht doch.
Zu behaupten, dass alle Kubaner lange Hosen tragen, wäre natürlich falsch. Bauarbeiter und Fahrradkurriere tragen kurze Hosen. Und junge Männer versuchen mit topmodischen Bermudas den Mädels zu imponieren. Wogegen die typische Outdoor-Kleidung vermutlich Assoziationen zu den vielen Uniformierten im Straßenbild weckt oder vielleicht, bei einer halben Millionen Kubanern, Erinnerungen an ihren Einsatz im Angola-Krieg? Kubaner tragen sie zumindest nicht.
|
 |
 |
 |
2010-03-10 Steuertermin, Schlangen, Rege
Meine Vermieterin musste heute Steuern zahlen und ich "durfte" daher schon einmal meine Rechnung begleichen ...und danach zur Bank Nachschub besorgen. Ich durfte dabei auch Schlange stehen, vor der Bank auf der Straße. Permanente und lange Schlangen sah ich auch vor den Läden, in denen es auf Bezugsbüchlein die Grundnahrungsmittel gibt ...sofern lieferbar. Das reicht bei weitem nicht aus und der Rest muss teuer auf dem freien Markt gekauft werden. Wenn ich gestern von einer zentralen Einkaufsstraße schrieb, so vermittelte dies bestimmt ein falsches Bild. Es war eine Straße mit vermehrt Läden und Fressbuden. Im Schaufenster eines Spielwarengeschäfts zählte ich zehn Spielwaren ...billiger Plastikkram. In den Regalen im Laden waren dann aber doch mehr zu sehen: Vielleicht zwanzig oder dreißig Artikel. Die Auslage einer Buchhandlung bestand aus den Büchern über die Helden der Revolution, des Unabhängigkeitkrieges, des Marxismus usw. Andere Bücher gab es sicherlich auch. In den Läden oft das gleiche Bild: Vor der Theke stand man Schlange um sich einen Artikel zeigen zu lassen. "Kaufhäuser" waren trostloser und deutlich schlechter bestückt als unsere 1-Euro-Geschäfte. So muss es damals gewesen sein: Im Deutschland östlich der Mauer.
Die Sonne knallte in Santiago heftig vom Himmel. Erstmals sah ich in Kuba Frauen mit Regenschirm durch die Straßen laufen, wobei sich die Fußgänger auf eine Seite knubbelten: diejenige im Schatten. - Weil am Morgen die Kommunikationsleitung von Cubatur tot war, musste ich am Nachmittag erneut in das Zentrum. Es half nicht. Diesmal wollte ich rechtzeitig mein Ticket nach Havanna (gut 16 Stunden Fahrt) haben. Ich spürte, einem Heizstrahler gleich, die Hitze des umliegenden Mauerwerkes. Das Hemd hatte ich gegen ein T-Shirt (TV-Schiefbahn, Bogensport) getauscht, bin zielstrebig los ...und wurde nie angesprochen. Hm, Hemd muss also nicht sein. Ich besorgte mir mein Ticket bis Havanna und ging nochmal in das Internetcafe aka der Telefonbude am Parque Céspedes. Jetzt klappte, was gestern nicht funktionierte, wenn auch nur teilweise und mit dem fehlerhaften IE6 (kein FF im Angebot) sahen die Webseiten zum Schreien aus. Aber ich konnte heute unter den Tisch und hinter den PC krabeln, dort meinen USB-Stick einstecken und, hipphipp, er wurde sogar akzeptiert.
Santiago, ehemals Hauptstadt, ehemals Hauptstützpunkt der spanischen Armada, ehemals Hauptumschlagplatz der aus Afrika angelieferten Sklaven und 1953 nahm hier der bewaffnete Kampf gegen Batista seinen Anfang ...mit Leuten um einen jungen Rechtsanwalt mit dem Namen Fidel Alejandro Castro Ruz. - Das war also mein kurzer Zwischenaufenthalt im Ursprung von Bacardi: Es war Facundo Bacardí i Massó, welcher hier 1862 die berühmte Destillerie gründete. Die Familie unterstützte in den 1950ern den Kampf gegen den Diktator Batista. Nach der Revolution und der undankbaren Enteignung emigrierten sie und steuern heute das Imperium (Bacardi, Martini, Jack Daniels, Southern Comfort usw.) von Hamilton (Bermuda) aus.
|
 |
 |
 |
2010-03-11 Verdammt lange Fahrt
Die UNESCO und ihr Welterbe... Das ist die Liste, von der das Dresdner Elbtal gestrichen wurde, der Kölner Dom nur knapp drauf blieb und der Aachener Dom einen angestammten Platz hat. In der langen Liste findet sich seit 1997 unter der Nummer 841 das "besterhaltenste und vollständigste Beispiel der Spanisch-Amerikanischen Militärarchitektur". In Wirklichkeit findet man es natürlich nicht als Nummer in einer Liste, sondern rund 10 km südlich von Santiago de Cuba unter dem Namen "Castillo de San Pedro de la Roca" oder kürzer und bekannter als "Castillo del Morro".
Bevor ich Santiago verließ, musste ich mir dieses Weltkulturerbe ansehen. Ich hatte eine Idee: Das Taxi bringt mich dorthin, wartet bis ich alles gesehen habe, fährt mich zurück zur Unterkunft, wo ich meinen Rucksack einsammel und fährt mich zum Busterminal. OK, offizielle Taxis nehmen von Zentrum zum Castillio und zurück ca. 12-15 CUC. Jetzt habe ich ein "privates Taxi" durch Nancys Vermittlung bekommen. Das ist mit 20 CUC nicht günstiger, aber flexibler und der Staat geht leer aus. Falls mal jemand in Kuba ein Taxi braucht: Ein inoffizielles Taxi mit kräftig handeln wäre auch für die Hälfte machbar gewesen.
Pünktlich um 12 Uhr holt mich das Taxi ab. Es ist ein uralter, knatschblauer Plymouth, der mich in einer halben Stunde zum Kulturerbe bringt. Zu Fuß bringt der Fahrer mich noch bis in das Castillio und wir machen die Zeit der Rückfahrt aus. Dann gehe ich auf Entdeckungstour. Es ist beeindruckend gut erhalten aka von der Bausubstanz vollständig. Über vier Ebenen erstrecken sich die Verteidigungseinrichtungen. Ein Blick auf die enge Durchfahrt in Richtung Santiago machte mir die enorme Wirkung deutlich: Hier kam wirklich keiner vorbei ...zumindest nicht ohne erheblichen Verlust. - In der Summe: nicht verpassen, wenn man in der Nähe ist. Erhaltungsgrad und Umfang rechtfertigen die Aufnahme in die Liste ...meine ich als Kulturbanause ;-)
Der Bus fuhr dann pünktlich um 15:15 Uhr ab. Eine verdammt lange Fahrt von knapp 1000 km begann, deren Ankunft für 7:30 Uhr am nächsten Morgen geplant war. Wer mit offenen Augen die Strecken in Kuba bewältigt, dem fallen vielleicht die ein oder anderen Dinge auf. Da wären die regelmäßigen Kontrollposten, an denen die Touristen- aka Viazul-Busse ohne Halt vorbei rauschen. Oder die etwas anderen Eindrücke von den durchquerten Dörfern. Hier fallen vor allen die vielen Großplakate mit Slogans des Systems auf. Dann die Kälte in den Bussen. Ich hatte mir diesmal ein T-Shirt unter das Hemd gezogen, aber es war noch zu wenig.
|
 |
 |
 |
2010-03-12 Rheinfall, ohne h und nicht i
Egal, wir waren gut gekühlt aber pünktlich in Havanna und ich konnte problemlos eine Fahrkarte nach Viñales für 9 Uhr kaufen. Auf dem Weg dorthin hatte der Scheibenwischer ordentlich Arbeit. Als wir gegen 13 Uhr ankamen, schien schon wieder die Sonne. Ich hielt Ausschau, ob diesmal erneut jemand mit "BERNARD" am Straßenrand stehen würde. Leider nicht, was mich 1500 km von Baracoa entfernt, auch nicht wunderte. Die Empfehlung von dort sollte außerhalb des Ortes liegen und danach stand mir der Sinn nun nicht gerade. Ich wollte zentral eine warme Dusche haben. Als ich mich wieder alle Bemühungen abwehrend auf die andere Straßenseite begab, folgte etwas verzögert eine junge Frau. Sie zeigte mir Bilder ihrer Unterkunft und beteuerte, dass sie recht zentral lag. Wir gingen zu Fuß dort hin. Sie war irgendwie komisch, anders als die anderen. In der Unterkunft zeigte sie mir ihr Gästebuch mit den Empfehlungen. Der letzte Eintrag war über zwei Monate alt, es war zerfleddert und überhaupt hielten sich die Eintragungen zurück. Zimmer und Bad sahen so schlecht nicht aus und ich spürte nach der langen Reise das Bedürfnis nach einer Dusche. Jetzt nochmal zurück in den Ort und etwas anderes suchen? Und so sagte ich für zwei Nächte zu.
Ich bekam ein kaltes Getränk und gleich darauf noch eines. Es war lecker und tat richtig gut, so nach einem Tag ohne Trinken, auch wenn es "etwas" nach Alkohol schmeckte. Es war Rum mit Rohrzucker, Limettensaft, zerstoßenem Eis, frische Minzblätter und nennt sich Mojito ...wenn es mit Wasser verdünnt wird. Als ich die beiden großen Limogläser aus hatte, ging ich noch in mein Zimmer, machte die Tür zu, ließ mich auf das Bett fallen und war sofort eingeschlafen.
Am Abend riss mich das Telefon mit dem Charme eines Rauchmelders aus dem Schlaf. Es roch nach Toilette. Im Essraum erwartete mich eine Benzinwolke, da der Hausherr vor dem Fenster am Moped bastelte. Beim Essen war der Fisch mit Haut, Gräten und versalzen. Die Hühnersuppe war voller Knochensplitter. Das Telefon, welches so zweimal die Stunde klingelte ließ mich jedes mal zusammen zucken, genauso wie der Schwiegervater in der Küche, wenn er abwechselnd die Nase hochzog oder sich die Klumpen aus der Lunge würgte. Im Bad gab es weder eine Ablage noch einen Spiegel. Der einzige war fast unbrauchbar über den Drittbett, oberhalb der einzigen Steckdose. Alles war recht beengt, kein Tisch, kein Schrank, kein Stuhl, keine Fensterscheiben, keine Badezimmertür, keine Ablage am Bett, kein Klopapierhalter, kein, kein, kein... Dazu waren die Gastgeber künstlich freundlich und aufdringlich bzgl. warum ich nicht länger bleiben wolle, welche Ausflüge ich mit dem Hausherr machen würde usw. Hinter der Tür gab es dann Familienkrach, der bis in mein Zimmer zu hören war.
Es war noch mehr. Aber irgendwann ist bei mir eine Schwelle erreicht, dann stört mich selbst das, was ich sonst problemlos tolerieren würde. So war klar: Ich wechsele die Unterkunft, auch wenn diese hier nur unschlagbare 15 CUC kostete.
|
 |
 |
 |
2010-03-13 Dolores und das Glück der Erd
Jedes mal wenn das Telefon klingelte, stand ich senkrecht im Bett. Das Omelet war versalzen wie gestern der Fisch. Auch nach einer Nacht drüber schlafen stand fest: Wechseln! Aber zunächst zur Telefonbude aka Internet. Keine 20 qm mit zwei Internetplätzen neben der normalen Funktion eines solchen Telefon-Shops. Dreimal die Woche ist für einige Stunden geöffnet.
Danach ging ich zur "Empfehlung aus Baracoa". Ich zeigte den Zettel mit der Anschrift und frug, ob ich hier richtig sei. "Oh, du bist bestimmt Bernardo aus Baracoa. Wir haben dich gestern erwartet." Jetzt war alles belegt und auch die nächsten Tage sah es schlecht aus, wenn keine der Reservierungen platzen sollte. Mist. Aber die Hausherrin zeigte mir ein Zimmer: riesig. Und sie versprach, ich könne ohne Probleme zu ihr kommen. Falls kein Zimmer frei sei, so habe eine Freundin gleichwertige. Ich bekam einen frischen Fruchtsaft, wir setzen uns mit ihrer Schwiegertocher auf die Veranda und hatten eine lustige Unterhaltung über dies und das ...die Chemie stimmte.
(Und nun zu etwas total Anderem als Einstimmung auf den nächsten Absatz, aber nicht unbedingt notwendig um der Geschichte weiter folgen zu können: Eines der ältesten Gebirge auf der Erde ist das Hochland von Guayana. An seinem Rand stürzt sich ein Wasserfall in die Tiefe und verliert auf dem fast 1 km langen Weg nach unten glatt die Lust ein Wasserfall zu sein. Obwohl daher niemand weiß, wie tief das Wasser als Wasser nun fällt, bevor es zu Dampf und Dunst wird, so ist man sich doch darin einig, das der Salto Angel der höchste (tiefste?) Wasserfall der Erde ist. Dagegen haben sich auf dem Plateau selbst, hoch oben und isoliert vom Rest, einige sehr alte Tiere und Pflanzen erhalten, welche sonst ausgestorben sind oder es anderswo erst überhaupt nicht gab. Nun aber zum Eigentlichen: Mitten auf diesem uralten, verlassenen Hochland erreichte in den 80ern ein Bus seine Endstation und spuckte seine einzig verbliebenen Fahrgäste aus: Zwei deutsche Backpacker. Hier am Ende der Welt gab es jetzt nur noch genau eine einzige Verbindung: Genau den selben Bus zurück. Und die Backpacker staunten nicht schlecht, waren sie doch im sagenumwobenen El Dorado gelandet! Aber schnell fiel ihnen auf, dass es hier nur drei Arten von Bewohnern gab: Kinder, Greise und... Nymphen! So mitten auf dem uralten Hochplateau konnte also nicht nur El Dorado die Zeit überdauern, sondern es war ebenfalls Rückzugsgebiet der ebenso sagenumwobenen Nymphen. - Zwei junge Männer alleine unter Nymphen. Das war wahrlich kein Zuckerschlecken! Sie kämpften mit sich, wehrten erfolgreich die intensiven Forderungen und Angebote der Nymphen ab und verließen am nächsten Morgen fluchtartig El Dorado, welches somit erfolgreich von den Nymphen verteidigt wurde.)
Version 1: Hatte ich vor einem Vierteljahrhundert El Dorado besucht, so stand heute ein ähnlich aufregendes Treffen bevor: Ich sollte nicht weniger als "Das Glück der Erde" kennen lernen. Diese Begegnung geschah für mich, ähm, sagen wir "unvollkommen vorbereitet", denn in der Schule hatte ich darüber nichts gelernt. Auch sonst hatte mir keiner erzählt, wie ich mich bei solch einer Zusammenkunft zu verhalten hätte. Und es kam wie es kommen musste. So vorsichtig ich die Sache auch anging: Mein Kontakt mit dem "Glück der Erde" war in der Raum-Zeit sowohl als auch nur punktuell, dafür jedoch sehr heftig ...immer wieder, stundenlang. Ich frug mich währenddessen, warum es nicht auch und gerade für Männer eine passende Schutzausrüstung gibt, wenn sie die ersten Rendezvous mit dem Rücken eines Pferdes haben. Und so wie damals die Freude über El Dorado durch die Nymphen getrübt wurde, wurde diesmal die Freude über "Das Glück der Erde" durch Dolores, die Schmerzhafte, getrübt ...intensiv und nachhaltig.
Version 2: Der Hausherr meiner Unterkunft bot einen Ausritt durch das Tal an, all inclusive: National Park, Höhle, Tabakherstellung, Erfrischungen usw. Das Vergnügen sollte 5 CUC pro Stunde kosten und ca. 4 Stunden dauern. Ich hatte im Vorfeld von dieser Möglichkeit zu Pferde gehört, verbunden mit der Empfehlung dieses unbedingt zu probieren. Mein Hausherr schleppte mich nur zu einem "Bekannten", der setzte mich auf ein Pferd und los ging es. Die erste Überraschung: Das Pferd durchquerte eine tiefe Stelle mit faulig riechendem Schlamm. Danach hatte ich diesen in meinen Schuhen und bis zu den Knien an der Hose. Shit happens. Irgendeinen Eintritt für den Park war natürlich nirgends zu entrichten, da wir längst im Nationalpark waren. Die angeblich 250 Meter in den Berg reichende Höhle war tatsächlich inklusive, jedoch kostete Licht inklusive Begleitung extra. Als wir bei einem "Tabakbauer" ankamen, war ich schon "vorbereitet" worden: Die armen Bauern müssen 90% der Ernte dem Staat abgeben und von den restlichen 10% bestreiten sie ihr Auskommen. Arme Bauern, nicht wahr? Kaum da, hatte ich ein Getränk in der Hand, danach gab es Ananas und die Vorführung wie man eine Zigarre rollt. Es kam, was kommen musste: Ich sollte ein Dutzend Zigarren zu einem "sozialen" Preis kaufen um eben die armen Bauern zu unterstützen ...dann wären Trank und Speise inkl. und müssten nicht extra bezahlt werden. Zudem wäre hier der Tabak "pure Natur" ohne die Aufarbeitung der normalen Zigarren und daher besonders wertvoll. Nach drei Stunden und 20 Minuten waren wir zurück und es waren natürlich 20 CUC fällig. Später habe ich im Reiseführer gelesen, dass ein Ausritt tatsächlich 5 CUC kostet ...und zwar der komplette Ausritt und dies beim offiziellen Veranstalter. - Selbst im sozialistischen Kuba haben sie es also drauf, wie man "es" macht.
Version 3: Am Nachmittag hatte ich einen dreieinhalbstündigen Ausritt durch das Tal von Viñales. Es war schön. Die Landschaft war nett, eine Ähnlichkeit mit der Halong-Bucht ohne Wasser oder diese Landschaft im Süden Chinas, deren Name mir gerade nicht einfällt. Wir besuchten eine große Höhle und ich "durfte" (besser: musste) das tun, was sonst in Höhlen streng verboten ist: Über Stalagmiten oder die bizarren Ränder der kleinen Wasserbecken laufen, denn es gab hier keine Wege. Die Beleuchtung durch meinen Höhlenführer war erneut dürftig und Fotos wurden deutlich getrübt, da "etwas in der Luft lag". Staub? Wassertropfen? Insekten? Keine Ahnung. Später sah ich, wie kunstvoll eine Zigarre gerollt wurde und kaufte, nun gegen Ende der Reise, ein Dutzend um der Nachfrage zu Hause nachkommen zu können. Die Kokosmilch und die Ananas waren eine willkommene Erfrischung auf dieser Tour. Im Mittelpunkt stand jedoch die Art: Hoch zu Pferde gemütlich durch eine interessante Landschaft zu reiten gefiel mir. Die Aussicht war besser, die zurückgelegte Strecke größer und alles nicht so anstrengend. Allerdings würde ich dies lieber alleine machen ...alleine, ohne Dolores.
Zurück in meinem Zimmer kümmerte ich mich um meine verdreckten Schuhe, die verdreckte Kleidung und um mich. Ich trat unter die Dusche, steckte meinen Kopf in den Strahl und genoss wie das Wasser meine Haare durchströmte, den Hals hinunter rann, weiter den Rücken entlang und AAARRRGGHHH!! Mit einem Sprung war ich aus der Dusche. Hölle, tat das weh! Nachdem ich provisorisch den Duschvorhang wieder angebracht hatte... aber lassen wir die Details hier einfach mal weg. Dann war es Zeit zum Essen.
Mein Reiseführer schreibt dazu: "Die häusliche Küche in Viñales ist eine der Besten in ganz Kuba - esse in deiner Unterkunft!" Meine Erfahrung passte nicht ganz dazu und so hatte ich für den Abend kein Essen bestellt (was ellenlange Diskussionen und Rechtfertigungen gegenüber dem Hausherr, der Hausherrin, der Schwiegermutter und dem Schwiegervater bedeutete ...einzeln und nacheinander, versteht sich), sondern etwas Verbotenes getan: Irgendwo privat essen gegangen. Natürlich lag mir bereits eine Einladung vor und ich hatte mir Lamm gewünscht. Man hatte für mich einen Tisch im Garten gedeckt, schön mit Stofftischdecke und Blumen. Das Essen wurde gängeweise serviert und war köstlich. Das erste Mal in Kuba bekam ich Fleisch ohne Einheitsgeschmack, verdiente der Salat seinen Namen und war der Rest ebenfalls geschmacklich wohltuend abweichend. Zusammen mit dem Kaiserlichen Reis (Casa Partikular) und dem Essen im Paladares in Baracoa ein Highlight in Kuba.
Restaurants in Kuba sind staatliche Betriebe und gemäß der Revolution stellt Essen eine körperliche Notwendigkeit da, welche durchaus einheitlich ohne Dekadenz befriedigt werden kann. Entsprechende Erwartungen werden in Restaurants voll erfüllt. Seit 1995 dürfen auch private Restaurants, sogenannte Paladares, betrieben werden, wenn auch mit Auflagen (z.B. maximal 12 Plätze) und es sind schmerzhafte monatliche Steuern zu zahlen. Es ist ähnlich und die Ergänzung zu den Casas Particulares, allerdings leider deutlich seltener anzutreffen. Daher gibt mein Reiseführer in der Regel durchgehend die Empfehlung sich bzgl. Essen auf die private Unterkunft zu beschränken. Zusammengefasst: a) hochwertige Küche findet der Reisende in den Paladares b) selbst zur reinen Nahrungsaufnahme sind die staatlichen Restaurants nicht auf Dauer zu ertragen und c) die Casas Partikulares ordnen sich variabel irgendwo dazwischen ein.
Nach dem leckeren Essen schlenderte ich noch etwas durch den Ort und dann zurück in die Unterkunft. Es war 21 Uhr durch, als es an meiner Tür klopfte. Der Hausherr stand dort, sichtlich angetrunken und wollte meine Bilder vom Ausritt auf meinem Computer bewundern. Die Bilder interessierten ihn aber nicht. Seine vielen Fragen zu meinem Laptop und sein ganzes Verhalten waren dagegen sehr seltsam. Es gibt Situationen, da tut man jemanden unter Umständen fürchterlich Unrecht, wenn man ihm aus eigener Vorsicht Böses unterstellt. Ich unterstellte ihm im Stillen jetzt Böses, lehnte sein Angebot der Mojitos ab, wünschte ihm eine gute Nacht und sperrte die Tür von innen besonders gut ab. Damit war auch die Einladung zur Musik im Kulturzentrum geplatzt, denn jetzt wollte ich mein Zimmer nicht mehr alleine lassen.
Es war ein langer Tag, viel war passiert und trotzdem schlief ich erst nach Mitternacht ein.
|
 |
 |
 |
2010-03-14 Die geklaute Stunde
Jedes Umdrehen erinnerte mich an meine Bekanntschaft mit dem Glück. Um acht stand ich auf und packte. Pünktlich um 9 Uhr saß ich am Frühstückstisch ...und nichts passierte. Nach einer viertel Stunde ging die Küchentür auf und die Schwiegermutter brachte mir, mit mir unverständlichen Erläuterungen, das Frühstück. Etwas später kam die Erklärung: Es war nicht etwa 9 Uhr, sondern bereits 10 Uhr durch, denn in der Nacht hatte Kuba auf Sommerzeit umgestellt. Jetzt erklärte sich mir auch die eine Stunde kürzere Flugzeit nach Paris: Der Zeitunterschied betrug, bis auch Deutschland umstellte, nur noch 5 Stunden. Aber so um 10 Uhr wollte ich bereits bei meiner neuen Unterkunft sein. Mist. Also schnell gegessen, einen fragwürdigen Betrag von 60 CUC bezahlt (ich kam auf 48 CUC plus zwei Mojitos) und ab die Post.
Hilda, die "Empfehlung aus Baracoa" brachte mich zu ihrer Freundin. Das Zimmer mit Bad hatte fast 30 qm, dazu eine kleine Terrasse und ein gutes Gefühl bei Sonia, der Hausherrin von "Casa los Rubios". Auch sonst war hier einiges anders, besser, und der Preis von 25 CUC schien angemessen. Einen Kaffee auf der Terrasse, duschen, Wäsche zum Waschen geben, Bücher lesen, Computern... diesen Sonntag ließ ich ruhig angehen. Zwischendurch rief Hilda an und brauchte die Telefonnummer von Arquimedes aus Baracoa um ihm mitzuteilen, dass ich in Viñales angekommen und nun gut untergebracht bin. - Das Netzwerk funktioniert.
(Casa Particular: Casa los Rubios, Sonia & Sele, km 25 carretera a Pinar del Rio, 22400 Vinales, Tel: 48-695340)
|
 |
 |
 |
2010-03-15 Massenorganisation
Frühstück, Internet, Bank, durch den Ort, durch die Felder Richtung El Moncada, zurück, ausruhen, lesen...
Auf dem Spaziergang kam ich auch am Büro der örtlichen CDR (Comités de Defensa de la Revolución) vorbei. In deren fast 140.000 Comités sind über 85 % der Bevölkerung organisiert, freiwillig. Diese kleinen lokalen Gruppen (Durchschnittlich 50 bis 60 Personen) kontrollieren das politische Engagement der Bevölkerung, ihren Einsatz für das System und beobachten Abweichungen in Meinung und Lebenswandel. Wer einen Kühlschrank braucht oder einen Telefonanschluß, ist häufig auf ein Gutes Wort des jeweiligen Präsident angewiesen. Es erinnert an den NSDAP "Blockwart", nur besser organisiert. Im Selbstbild wird jedoch das soziale Engagement (speziell im Gesundheitswesen), die Einbindung/Teilhabe des Volkes in die Politik und die Erfolge der Verbrechensbekämpfung hervorgehoben. Wer sich nicht außerhalb der Gesellschaft stelle, könne nichts gegen eine Mitgliedschaft einwenden, sondern profitiere von der Gemeinschaft. - Tja, kommt mir bekannt vor: Wer nix im Schilde führe, habe auch nix zu verbergen und also nix zu befürchten ...ganz zum Wohle und Schutz der Bürger.
|
 |
 |
 |
2010-03-16 Weltkultur im Tal verstreut
Irgendwie war Kuba hier anders. Die Fernseher waren lauter, die Telefone auch und klingelten häufiger. Das Essen (Fleisch) war zu gut gesalzen, Fisch gab es nur komplett mit Haut & Gräten und selbst "rotzen" war deutlich häufiger zu hören. Suchte ich das nicht? Verschiedene Ansichten von Kuba? Hier hatte ich sie erneut gefunden ...gehört auch dazu.
Nein, ich hatte es nicht vergessen, sondern bereits am 22. Februar geschrieben: Valle des Viñales gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Es war kein Gebäude, keine Lebewesen, sondern die Landschaft ...von der man im Ort und aus dem Ort heraus nicht viel sah. Aber es gab einen kleinen Bus für die Touristen, fotofreundlich ohne Scheiben, der tagsüber talauf & talab fuhr, 18 Haltestellen hatte und für die Runde 1:10 Stunde brauchte. Das Tagesticket kostete 5 CUC und war afaik die günstigste Möglichkeit das Tal zu erkunden.
Erster Stopp war für mich Cueva del Indio, eine Tropfsteinhöhle. Sie war nicht wie unsere Höhlen, sondern kleiner, weniger ausgeprägte Tropfsteine und weniger Effektbeleuchtung. Trotzdem: sie war bisher hier die schönste Höhle, gepflegte Wege, durchdachte Beleuchtung und die unterirdische Bootstour zum Ausgang war etwas Außergewöhnliches.
Die Wartezeit auf den Bus verbrachte ich mit einem kleinen Spaziergang. Hier war das Weltkulturerbe Viñales tatsächlich zu erkennen. Wer also die Besonderheiten der Landschaft wirklich sehen möchte, muss schon aus dem Ort hinaus und hier her kommen.
Der Bus brachte mich im Laufe einer kurzweiligen halben Stunde "mit reichlich Aussicht" an das andere Ende seiner Strecke zum Mural de la Prehistoria. Dabei handelte es sich um ein 120 Meter breites, auf die Felswand gemaltes Kunstwerk jener Kategorie, das trotz Erklärung nicht jeder versteht ...so wie ich. Egal.
Der Bus machte Mittags eine Stunde Pause. Dann lagen zwischen den Abfahrten eben zwei Stunden. Abweichend vom Fahrplan machte der Busfahrer jetzt Pause, so dass ich zwei Stunden am "Kunstwerk" warten sollte. Statt dessen ging ich einen Weg zwischen Kunst und Camping in das Tal hinein und weiter einen anderen Weg und irgendwann dachte ich mir nach einem Blick durch die Landschaft und auf meinen Taschenkompass: Hier rechts, geradeaus und wieder rechts halten ...und irgendwann sollte ich zu dem Tal kommen, das per Pferd besucht war und so auch wieder nach Viñales.
Ich ließ mir Zeit, denn die Sonne sollte erst in sechs Stunden unter gehen. Hier einen Abstecher den Hang hinauf, dort einen Stichweg hinein oder auch mal ein Stück zurück um ein Foto zu machen. Teilweise verließ ich die Wege und ging querfeldein über Wiesen und Äcker, an Felsen vorbei oder kleinen Gebäuden. Nach drei Stunden war ich in Viñales.
Irgendwie war Kuba hier anders. Ich hatte ordentlich Mücken erwartet, aber nur vereinzelt welche kennen gelernt. Hier war es, als sollte das Versäumte an den letzten Tagen noch nachgeholt werden. Leider hatte meine Unterkunft nur eine AirCon und keinen Ventilator. Jeden Abend am Laptop war ich regelrecht umschwärmt: Im Dutzend kamen sie herbei. Die Gastgeberin konnte jedoch mein Bett mit einem Moskitonetz ausrüsten. Nicht so lästig, aber ebenfalls auffallend waren die vielen kleinen Fliegen, welche sich hier über die obligatorischen Teller mit den Früchten hermachten. Nur die Kakerlaken glänzten wie bisher weiter durch Abwesenheit. Ich liebe genau diesen Glanz!
|
 |
 |
 |
2010-03-18 Pampe in Havanna
Morgens ließ ich mir Zeit, spätes Frühstück, gemütlich packen, etwas in der Wikipedia rum gestöbert und dann habe ich mich gegen 12 Uhr verabschiedet. Der Bus nach Havanna ging um 14 Uhr und brauchte dreieinhalb Stunden. Vor dem Terminal stand jemand und wisperte nach einem Blick auf einen Spickzettel: "Bernard? Bernard from Baracoa? Bernard from Viñales?"
Drei Nächte habe ich noch und die Luft ist raus, keine Lust zu nix. Am liebsten würde ich gleich morgen zurück fliegen. Das kenne ich aber schon: Die letzten Tage geht es mir meistens so und ich bin u.U. unausstehlich.
Da passte es wie Faust auf Auge, dass die Unterkunft suboptimal war (für 25 CUC ein Bad für zwei Zimmer usw.) und das Abendessen im Restaurant, welches mir meine Unterkunft empfohlen hatte, so richtige staatliche Pampe.
(Casa Particular: Jorge & Isabel, Cuarteles No. 60, Habanna Vieja, Tel: 052895528)
|
 |
 |
 |
2010-03-19 Déjà-vu in Viejo
Also, es gibt Leute die können es einfach nicht besser. Während die einen mit dem Geld ihre Sanitäranlage modernisieren, das Haus in Schuss bringen, in die Zimmer reinvestieren, richtige Möbel kaufen, sich die Kleidung für die Kinder verbessert und vielleicht sogar das auf den Tisch kommt, was auch die Devisen-Gäste essen, so gibt es andere die das nicht schnallen, die ein Handy oder gar ein Auto besorgen, die Verwandtschaft freihalten und/oder denen das Geld einfach so zwischen den Fingern zerrinnt. Die Bemühungen um die Gäste möchte ich keinem abstreiten, aber bei mir erfolgreicher dabei sind die Erstgenannten. Bei ihnen fühlte ich mich eher wohl und besser verstanden, die richtige Mischung aus "kümmern" und "in Ruhe gelassen" und eine gute Übereinstimmung was mir wichtig war und was eben nicht. Es waren die vielen Kleinigkeiten, die eben nicht alle sehen und umsetzen können.
Beispiele: Den Teller mit dem Rührei mit kleinen Würstchen und Käsestückchen umranden anstatt nur zwei Scheiben Tomaten drauf klatschen. Den Teller mit dem klein geschnittenen Obst mundgerecht zubereiten anstatt noch Schale an den Stückchen zu lassen. Oder nach einigen Minuten kurz vorbei schauen und fragen ob alles klar ist und einen nicht ohne Salz da sitzen lassen. Ich merkte schon: Die bisherigen Casas Partikulares hatten mich ganz schön verwöhnt, nicht wahr? ;-) Aber ich wechselte nicht. Im Unterschied zur ersten Unterkunft in Viñales fühlte ich mir hier ehrlicher und besser versorgt und war, da Havanna mich ganztägig auf Trab hielt, ohnehin kaum im Zimmer.
Havanna, oder besser: La Habana, ist mit 3 Millionen Einwohner die größte Stadt der Insel. Die Ränder sind wie bei allen Städten nicht so prickelnd bzw. wie in vergleichbaren Ländern eher abschreckend. Als Tourist konzentriert man sich aber auf die Schokoladenseite bzw. -bereiche der berühmten Städte, auf das sie auch weiterhin berühmt bleiben. Und das heißt hier ganz klar: Habana Viejo und westlich davon.
Mein erster Spaziergang führte jedoch an der Küstenpromenade vorbei zum Stadtteil Vedado, eher ein modernes Zentrum, bis zum Hotel Nacional. Auf dem Weg sah ich am Horizont das erste Schiff in kubanischen Gewässern. Im Bogen ging es zurück. Über die Avenida Simon Bólivar erreichte ich mit einem lohnenden Zwischenstopp in der Iglesia del Sagrado Corazón de Jesús (Glasmalerei ohne Touristen) wieder den touristischen Bereich.
Viejo mit seinen engen Straßen und Gassen, seinen alten Gebäuden und voller Leben. Die Gebäude hatten oft den Charme römischer Ruinen und das Leben erkannte ich an der Wäsche über der Straße und dem Müll vor der Haustür. Nein, das war jetzt gerade fies. - Trotz dem bedauernswerten Zustand der Bausubstanz war Viejo ein schöner Ausflug in vergangene Zeiten. Besonders in der Abenddämmerung füllten sich die Gassen mit quirligen Leben von Jung und Alt. Der Verkehrslärm musste dem Rufen der Mütter Platz machen und die Autos den Baseball-begeisterten Kindern. In den Fenstern und auf den Balkonen sah ich wie die Älteren, mir gleich, dem Treiben zusahen. Und die Jugend wartete auf das in den engen Gassen schnell verblassende Abendgold um in der aufziehenden Dunkelheit dem anderen Geschlecht zu imponieren.
Weniger romantisch war das Abendessen. Trotz aus- und aufgesuchtem Spezialitätenrestaurant konnte ich von einem Déjà-vu sprechen.
|
 |
 |
 |
2010-03-20 Rundfahrt und Öl-Suche
Heute war das Frühstück besser. Als ich danach am Parque Central ankam, war gerade eine große Sportveranstaltung vorbei. Ich vermute, es war ein städtischer Marathon. Die Kameraleute machten die letzten Interviews, die Stände packten ein und später wurden die Straßensperren aufgehoben. Währenddessen saß ich schon in einem Bus, obere Etage im Freien. Es war wie in Viñales: 5 CUC und der Bus fährt einen den ganzen Tag im Kreis herum während man beliebig zwischendurch aus- und wieder einsteigen kann. Nette Rundfahrt, zurücklehnen und genießen. Ich war allerdings nicht ausgestiegen, da ich an den meisten Punkten am Tag zuvor schon zu Fuß war.
Bei Spaziergängen hier in Havana war es recht praktisch ein paar Münzen in Peso National zu haben. Diese, mit dem Konterfei von Che leicht zu erkennen, wurden von den Getränkeautomaten am Straßenrand geschluckt und boten zum Ausgleich eine Auswahl bekömmlicher und begehrter Erfrischungen. Auch ansonsten war Havana anders. Neben wirklich unübersehbar vielen Touristen gab es so etwas wie Büdchen ...zahlreich und in zahlreichen Varianten. Damit war auch die sonstige Verpflegung jederzeit sicher gestellt ;-) Nachmittags schaute ich erneut im Internet nach meinen Flugdaten. 27 Stunden vor Abflug waren weder bei Galileo noch bei Air France Änderungen vermerkt.
Am späten Nachmittag kam ich wieder in meine Unterkunft ...gespannt, was mich erwartet, nachdem ich gestern eine benutzte fremde Jeans auf meinem Bett fand und die Maus auf dem Laptop verschoben war (wohl beim Zimmerreinigen?). Nein, diesmal war nix. Dann wurde ich gerufen und die Frau des Hauses gab mir als Erfrischung ein Glas gefrorenen Ananassaft. War doch nett & aufmerksam, oder? Im Kühlschrank lagen übrigens mehrere gebrauchte Plastikflaschen mit abgekochtem Wasser zur kostenlosen Nutzung. In den anderen Unterkünften gab es dagegen für 1 bis 2 CUC original Flaschen mit 1,5 Liter Mineralwasser. Das sind die kleinen Unterschiede. Der eine findet dies besser, der andere jenes.
Ein Gespräch mit den Eheleuten zeigte erneut, dass sie bemüht sind und imho auch vertrauenswürdig. Sie erzählten von den Planungen das Bad in zwei Räume zu teilen: für jedes Zimmer dann ein kleines Bad. Und sie erklärten die Auflagen und sprachen von den Gebühren um Zimmer an Touristen vermieten zu dürfen. Mit Interesse schauten sie sich die Fotos der anderen Unterkünfte auf meiner Reise an und stellten fachkundige Fragen. Und das, was ich in Baracoa erzählt hatte, wußten sie bereits. - Das Netzwerk funktioniert halt.
Als ich nochmal vor die Tür ging, kam ein junger Mann auf mich zu und begrüßte mich. Ich hatte gestern in einer Seitenstraße sein altes Auto fotografiert. Er war auf der Suche nach Öl. Ich dachte an Motoröl, aber er brauchte Öl zum Kochen, denn auf den Bezugsscheinen gab es gerade Reis und Hühnchen, jedoch gab es kein Öl um das Hühnchen zu braten. Alltagsprobleme im real existierenden Sozialismus.
|
 |
 |
 |
2010-03-21 Finale mit Gelaber
Jetzt am Ende der Zeit kann ich endlich ein paar persönliche Zeilen schreiben. Jetzt ist es nicht mehr zuzuordnen, er mir was erzählt hat, wo ich was gesehen habe usw. Ein paar Dinge habe ich aber in die vorherigen Tage eingestreut, damit es hier nicht zu viel wird #-)
Kuba, das Land der Energiesparlampen. Ich hatte in den letzten Wochen kaum traditionelle Glühlampen gesehen. Die älteren Klimaanlagen müssen laut Verordnung auch bald ausgetauscht werden. Sprithungrige uralte Busse sind bzw. werden durch sparsamme chinesische Modelle ersetzt. Die mir im Vorfeld angekündigten Stromausfälle blieben in den besuchten Touristenregionen (bis auf eine Stunde) aus. Wenn die Menschen aber nicht mitziehen bzw. nicht können... In einem Museum lief die Klimaanlage volle Kanne und die Mitarbeiterin hat Türen und Fenster geöffnet, weil ihr kalt war. In den Unterkünften wird von den Touristen eine Klimaanlage erwartet, aber es fehlt das Geld um die Fenster zu verglasen. Vom benötigten Geld für moderne, spritsparende PKWs ist die Bevölkerung Lichtjahre entfernt. Und wenn mal etwas Geld da ist, wird es z.B. gebraucht um zum Kochen Speiseöl zu kaufen ...teuer im Devisenladen. - Immer daran denken: Erst kommt das Fressen, dann die Moral ...auch unter dem Sozialismus.
Seltsamme Vorstellungen über die Systeme gibt es auf allen Seiten, da die Meisten ihr "Wissen" vermittelt bekommen (=fremdbestimmt). So wurde die Rationalisierung z.B. der Milch über die Bezugsbücher für gut befunden, weil auf diesem Weg die Kinder Milch erhalten. Im Kapitalismus würden dagegen die Reichen die Milch kaufen und für die Kinder wäre nicht mehr genug da. Das Gefährliche an dieser Argumentation: Die Verwaltung eines Mangels (hier Milch) kann angebracht sein (siehe bei uns nach WWII) und beim freien Spiel der Kräfte könnten Kinder leer ausgehen. In einer Diskussion wird man dann immer irgendwelche Beispiele finden um das ein oder andere System zu verteidigen bzw. anzugreifen. Das lenkt prima ab, polarisiert und die grundlegenen Probleme kommen dabei zu kurz. Sich auf Schwarz-Weiß-Denken zu beschränken ist eben einfach. Mittelwege bzw. Ansätze wie unsere soziale Marktwirtschaft sind unbequem komplexer und von allen Seiten argumentativ leichter in Frage zu stellen.
Ein letzter Check im Internet zeigte keine Veränderungen im Flugplan. Um halb drei Mittags holte mich ein Taxi ab und brachte mich zum Flughafen. Einchecken kein Problem, Zeit abhängen, Paßkontrolle, Gate, Boarding ...und da war er: Dieser betörende Geruch der aufgewärmten Speisen. Als es das Essen endlich gab, habe ich jeden Bissen ganz langsam genossen. Spinat, Kartoffeln mit Soße und richtiges Fleisch. Selbst die Butter schmeckte köstlich. Jetzt wurde mir so richtig klar, wie geschmacklich flach und öde ich die letzten Wochen gelebt hatte.
|
 |
 |
 |
Epi log ...wie gedruckt
Ich habe es ruhig angehen lassen, relaxen, gammeln. Alle drei Tage einen anderen Ort, jeden Tag Ausflüge und die Nacht zum Tage machen ...dies habe ich Anderen überlassen. Ich habe nur fünf aber sehr verschiedene Orte besucht. Nie hatte ich den Eindruck dort anzukommen, wo ich gerade abgereist war:
* Trinidad - das Freilichtmuseum vergangener Zeit, gepflegt und auf Touristen eingestellt.
* Baracoa - die Tropen pur, Individualtouristen unter sich, unendliche Möglichkeiten.
* Santiago - die lebensfrohe Großstadt, für Touristen überschaubar, voller Musik und Tanz.
* Viñales - das beschauliche Kaff voller Schaukelstühle, Ruhe & reizvoller Landschaft.
* Havanna - die verblichene Metropole voller Geschichte und charmante Ruinen.
Viazul-Busse, Casa Partikulares, Paladares... sie bilden einen guten und preislich überschaubaren Kern. Züge, Hotels, Leihwagen, Campingplätze, staatliche Restaurants... Variationen gibt es genug. Ob Pauschalreisen, vor Ort gebuchte Arrangements oder die eigene Individualtour ...Kuba erfüllt alle erdenkbaren Wünsche des König Kunde. Wer mehr reist und mehr besucht, der verbraucht auch leicht mehr Geld. Meine 55 CUC pro Tag sind daher kein Maßstab. Mit 75 CUC pro Tag sollte aber eine intensive, abwechslungsreiche Reise durchzuführen sein.
Zur "Freizeitbeschäftigung" hatte ich neben einem MP3-Player und einigen Büchern auch mein Laptop mitgenommen. Der rauhe Umgang mit dem Rucksack und die Schlaglöcher erfüllten mich oft mit sorgenvollem Zweifel ob die Festplatte etc. das aushält. Eingepackt in Luftpolsterfolie und zwischen der Wäsche verstaut ist es jedoch gut gegangen. Mit dem Adapter für die 110 Volt Steckdosen war auch die Stromversorgung kein Problem.
Es waren 29 Übernachtungen in sechs Casas, zwei Bussen, einem Flugzeug und einem Hotel. Mit den sieben Viazul-Bussen legte ich fast 2700 km zurück, bei einem Fahrpreis von 4,50 bis 6,50 CUC je 100 km. Ich tauschte fünf mal Euro in CUC zu einem Mittelwert von 1,21 CUC je Euro. Casa Particular kostete ca. 20 CUC die Nacht, ein Frühstück 3 bis 4 CUC und ein Abendessen 8 bis 10 CUC. Eintritte lagen bei 1 bis 5 CUC, Ausflüge zwischen 5 und 25 CUC. Internet kostete einheitlich 6 CUC pro Stunde. Achja, Mittagessen habe ich nie gehabt ...aber mein Bauch schrumpfte trotzdem nicht :-(
Das Wetter war wie das Klima recht variabel. Von trockener Hitze mit deutlich über 30°C über tropische Schwüle bei gemäßigter Temperatur bis zu kühlen Nächten mit gerade einmal 12 °C reichten die Temperaturen. Sturm, Gewitter, Hagel... Fehlanzeige. Vier mal gab es Regen, der jedoch nach wenigen Stunden Geschichte war. Bedeckten Himmel bzw. rare Sonne waren an fünf Tagen zu beobachten. Oder anders gesagt: es war mit 23 sonnigen Tagen ein ebensolches Vergnügen.
Beim Essen hatte ich mich mit Frühstück und Abendessen überweigend auf die Casas Particulares beschränkt. Mein Reiseführer, eigene Tests und Erzählungen bestärkten mich darin. Vielleicht ein Fehler nicht häufiger nach Paladares zu suchen? Weißbrot, Honig bzw. Marmelade, Ei, Obstteller, Kaffee und Obstsaft waren das Standardfrühstück. Reis, Bohnen, evtl. "Salat", Kartoffel bzw. Kochbananen sowie ein Obstteller waren das Abendessen. Variationen bestanden im Fleisch: Schwein, Fisch, Hühnchen mit recht konstanten Geschmack. Ich freute mich am Ende auf Gewürze, Soßen, Kräuter und die Geschmacksvielfalt in Deutschland.
Was immer wieder in den Texten zu kurz kam: Die Menschen. Ich fühlte mich nicht nur durchgängig sicher, sondern auch willkommen. Egal ob in den Unterkünften, am Fahrkartenschalter, beim Reiseunternehmen, im Bus oder einfach auf der Straße. Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit war immer anzutreffen und nicht selten wurde ich auf der Straße von Fremden gegrüßt. Wer etwas Englisch konnte, brachte es gerne an den Mann. Und ansonsten klappte es prima mit meinen wenigen Worten Spanisch unterstützt von Händen & Füßen. Ich hatte nie die Befürchtung es könnte ein Problem geben, bei dem ich in einem fremden Land mit fremder Sprache und fremden Gebräuchen "verloren gehe". Ich hätte voller Vertrauen einfach den nächsten Kubaner angesprochen und es hätte bestimmt geklappt!
Jetzt zu den üblichen Fragen:
* Was hat Dir am Besten gefallen?
-> Das leichte, unbeschwerte Reisen.
* Ich meinte: Wo hat es Dir am Besten gefallen?
-> Angesichts der sehr unterschiedlichen Orte schwer zu sagen, aber ein leichter Vorsprung für Baracoa.
* Was war Mist, worüber hast Du Dich geärgert?
-> Zwar nicht sehr schlimm, aber wegen der Nachhaltigkeit während der Reise: Das Essen.
* Was würdest Du besser machen?
-> Mich besser vorbereiten, z.B. mehr Spanisch lernen.
* Würdest Du nochmal nach Kuba reisen?
-> Och, das sage ich doch jedesmal: Die Welt ist sooo groß und es gibt sooo viele Länder in denen ich noch nicht war. Aber ansonsten: Ja.
* Was wünscht Du Dir rund um die Erlebnisse Deiner Reise?
-> Dass die fleissige Ada und ihre liebe Familie in Trinidad in ihrem Casa Partikular mehr Gäste haben ...oder zumindest ein Telefon genehmigt bekommen.
* Sonst etwas Bemerkenswertes?
-> Was haben Kuba und die USA gemeinsam? - Ihre wenig bekannten engen wirtschaftlichen Verpflechtungen, ihre gegenseitige Haßliebe und die grenzenlose Leidenschaft für Baseball.
|
 |
 |
 |
Epilog ...am Ende nochmal
Heute ist der Individualtourist kein exotischer Backpacker wie in den 70er, 80er Jahren. Es ist eine Massenbewegung, deren Verhalten toleriert, deren Anprüche entsprechend bedient werden und für die eine Infrastruktur vorhanden ist. Es ist heute deutlich anders als damals bei mir in Honduras, Argentinien oder Tanzania. In Kuba kommt hinzu, dass die Individualreisenden dezentral in den privaten Unterkünften verteilt sind und Restaurants zurückhaltend genutzt werden. Eine intensive Kommunikation mit fast Jedem der einen über den Weg läuft, findet nicht mehr statt ...nur im Einzelfall. Und waren damals Backpacker LowBudget-Reisende, so scheinen mir heute die Individualtouristen überdurchschnittlich viel Geld in das Gastland zu bringen. Das spiegelt sich vielleicht auch im Alter wieder, wobei das mittlere Segment dünn besetzt ist und die Jungen (bis 30 Jahre) und Alten (Rentner) deutlich in Erscheinung treten.
Die Betreiber einer Casa Partikular stehen unter eiskalten unternehmerischen Erfolgsdruck. Die Gäste bringen aus ihren Ländern unterschiedliche und persönliche (Bewertungs-)Maßstäbe mit, deren Berücksichtigung Grundlage einer guten Belegung sind. Aber die hohen Lizenzabgaben an den Staat sind auch fällig, wenn keine Vermietung erfolgen konnte. Mehrmals wurde mir versichert, dass 15 CUC pro Nacht unseriös ist, weil man damit nicht über die Runden kommen kann (btw: 15 CUC beträgt das Monatseinkommen eines qualifizierten Angestellten). Wenn es einigermaßen läuft, kann sich die Familie durch etwas mehr "Luxus" aus ihrer bisherigen Situation hervorheben und ihren Kindern etwas mehr bieten (Essen, Kleidung etc.). Und der Informations- und Gedankenaustausch mit den Gästen eröffnet neue Blickwinkel. All dies formt das Leben und die Gedanken der Betreiber und ihrer Familien. So haben Einige dadurch eine besonders kritische Haltung zum System bekommen. Andere unterstützen lieber den Status Quo, bei dem sie sich besser als der Durchschnitt stehen. Solche gegenteilige Haltungen gehen mitunter quer durch die Familien. Bei aufkommenden politischen Gesprächen ist daher eine strenge Vorsicht und Zurückhaltung geboten ...es gibt Ohren, welche man nicht sieht, die aber Probleme verursachen. Tipp: In der Regel nur interessiert zuhören, keine Fragen oder eigene Standpunkte einbringen und rechtzeitig das Thema wechseln.
Wer als Tourist nach Kuba kommt, kann sich vor einem nicht drücken: Er nimmt als einer von über 4 Millionen Touristen so oder so Einfluß auf die Gesellschaft von nur 12 Millionen Kubaner. Er unterstützt intensiv ein politisches System, welches seine Bürger im eigenen Land einsperrt und in vielen Punkten von vielen Seiten kritisiert wird (UN, AI, HRW, ROG...). Er unterstützt aber auch eine der wenigen Möglichkeiten der Bevölkerung ihre Situation ein wenig zu verbessern. Er lebt in Kuba mit seinen CUC in einer anderen Welt und diesen Luxus werden sich seine Gastgeber nie leisten können. Und ohne die Touristen müssten die Kubaner Hunger schieben, denn rund die Hälfte der Nahrung muß mit Devisen importiert werden ...und die kommen in erster Linie mit den Touristen. - Man sollte über all dieses nachdenken, bevor man die Reise bucht.
|
 |
 |
|
 |
|